So sieht die Zukunft aus: Norwegen
Stromtrassen ziehen sich durch Täler und über Hochebenen, Wasserkraftwerke nutzen die gewaltigen Höhenunterschiede, an den Straßen stehen große Ladeparks – und selbst die Fähren fahren inzwischen oft elektrisch.
Norwegen ist ein Energieland. Und vor allem ist es ein Stromland.
2025 erzeugte Norwegen rund 162 Milliarden Kilowattstunden Strom. Knapp 90 Prozent davon kamen aus Wasserkraft, weitere knapp neun Prozent aus Windkraft. Man sieht vereinzelt sogar PV-Anlagen. Fossile Stromerzeugung spielt praktisch keine Rolle.
Das Land hat dafür natürlich Voraussetzungen, von denen wir in Deutschland nur träumen können: enorme Wassermengen, große Höhenunterschiede und riesige Speicherseen. Wasserkraft ist hier nicht Ergänzung des Stromsystems – sie ist dessen Rückgrat. Bemerkenswert ist auch, wem dieses Rückgrat gehört: Rund 88 Prozent der norwegischen Wasserkraft befinden sich in öffentlicher Hand.
Norwegen ist allerdings kein grünes Märchenland. Im Gegenteil: Öl und Erdgas machten 2025 noch rund 57 Prozent des gesamten norwegischen Exportwertes aus. Das Land verdient also weiterhin sehr viel Geld mit fossiler Energie.
Umso interessanter ist, was Norwegen im eigenen Land mit Strom macht.
Das Elektroauto ist kein Elektroauto mehr
Es ist einfach ein Auto.
Im ersten Halbjahr 2026 waren 97,6 Prozent aller neu zugelassenen Pkw elektrisch. Inzwischen fahren mehr als eine Million elektrische Pkw auf norwegischen Straßen; gut ein Drittel des gesamten Pkw-Bestandes ist bereits elektrisch. Auf der Straße sind es eher zwei Drittel, die alten Verbrenner stehen wohl in der Scheune.
Wer dort mit dem E-Auto unterwegs ist, versteht schnell, was diese Zahlen praktisch bedeuten. Man sucht nicht verzweifelt nach einer einzelnen Ladesäule hinter einem Supermarkt. Entlang der Hauptstrecken findet man große Ladeparks mit vielen Schnellladepunkten. Oft sitzen mehrere Betreiber direkt nebeneinander. Ende Juni 2026 gab es landesweit bereits rund 11.100 Schnellladepunkte.
Norwegen diskutiert nicht mehr darüber, ob das Elektroauto für den Alltag geeignet ist. Diese Diskussion ist dort schlicht vorbei. Fällt mal ein Fahrzeug besonders auf, dann der „Stinker“ den man in einem Tunnel die nächste halbe Stunde vor sich hat. Verbrenner, at its worst …
Selbst die Fähre hängt am Ladekabel
Auch eindrucksvoll: die Elektrifizierung an den Fjorden. Fähren gehören in Norwegen zur normalen Straßeninfrastruktur. Und immer mehr von ihnen fahren elektrisch.
Das Prinzip ist eigentlich ideal: kurze, immer gleiche Strecken, große Batterien und leistungsfähige Ladeanschlüsse an den Anlegern. Anlegen, Batterie einstecken, Autos raus, Autos rein, Batterie ausstecken – weiter.
Was vor wenigen Jahren noch als spektakuläres Pilotprojekt galt, ist inzwischen Teil des normalen Verkehrs. Und das Schönste daran: absolute Ruhe bei der Überfahrt und gesundes Luftholen an Deck.
Und dann verschwinden auch noch die Ärgernisse
Ebenso gelungen wie die Elektrifizierung ist die Digitalisierung.
Mautstation? Man fährt einfach durch. Das Kennzeichen beziehungsweise der AutoPASS-Transponder wird erfasst, die Durchfahrt automatisch abgerechnet.
Fähre? Auffahren, übersetzen, weiterfahren. Die Abrechnung läuft ebenfalls über Fahrzeug und AutoPASS-System.
Beim Parken begegnet einem dasselbe Prinzip: Kennzeichenerkennung mit automatischer Bankabbuchung statt zum Automaten laufen und Parkschein in die Schranke fummeln.
Die dahinter stehende Haltung: Digitalisierung soll einen Vorgang verschwinden lassen – nicht einen neuen zusätzlichen (digitalen) Vorgang erzeugen. (Deutscher Tipp —> Damit wir niemanden diskriminieren oder entlassen müssen, zur Sicherheit noch den alten Vorgang parallel immer weiter laufen lassen …😉)
Ein Blick in unsere Zukunft?
Norwegen lässt sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Das Land hat nur rund 5,6 Millionen Einwohner, enorme Wasserkraftressourcen und wurde durch Öl und Gas sehr reich.
Aber darum geht es auch nicht.
Interessant ist etwas anderes: Man kann dort heute beobachten, was passiert, wenn über Jahre konsequent elektrifiziert wird.
Das Elektroauto wird gewöhnlich.
Der Ladepark wird Teil der Straßeninfrastruktur.
Die Fähre wird zum elektrischen Verkehrsmittel.
Maut und Tickets verschwinden in digitalen Systemen.
Und Strom wird zum selbstverständlichen Energieträger für immer mehr Bereiche.
Die Energiewende ist erst dann angekommen, wenn wir aufhören, sie ständig „Energiewende“ zu nennen.